Geschichte und Gerichte aus Vietnam

Geschrieben am 23. 05. 2013 von Birgit Warnhold

ViEATnam Geschichte und Gerichte aus VietnamDie Geschichte fängt so an: Luke Nguyen, der Autor dieses Buches über Vietnam und vietnamesische Kochkunst, begegnet in Hanoi zwei alten Männern. Überrascht davon, dass die beiden fließend Französisch miteinander sprechen, lädt er sie auf einen Eiskaffee ein und lässt sich ihr Leben erzählen. Fast 90 Jahre sind die Männer alt, die noch das französisch besetzte Vietnam (1862 bis 1954) erlebt und eine französische Schule besucht haben. Nun unternehmen sie zusammen jeden Tag einen Spaziergang durch Hanoi, danach kaufen sie frische Baguettes und Pasteten für ihre Familien – und der junge Autor weiß, worüber er ein Buch schreiben wird: Über den Einfluss der Franzosen auf die vietnamesische Küche.

Eine gute Idee. Zum einen, was die Rezepte angeht. Einige sind mir zwar zugegebenermaßen etwas zu schwierig, aber das „Gegrillte Rindfleisch mit Spargelrollen und Senf“ war ein Hochgenuss, auch wenn es vielleicht gar nicht so klingt. Zu den vielen optisch ansprechenden Köstlichkeiten gehört der „Gedämpfte Murray-Dorsch mit Passionsfruchtsauce“ (Foto unten), an den ich ViEATnam2 Geschichte und Gerichte aus Vietnammich in einer ruhigen Stunde vielleicht mal wagen werde. Vorerst aber ist er nur zum Anschauen – wie das ganze Buch, das kunstvoll fotografiert und genauso gestaltet ist.

„ViEATnam 2 – Neue Geschichten und Rezepte“ von Luke Nguyen ist auf der Reisemesse ITB in Berlin in der Kategorie Reise-Kochbuch mit dem BuchAward 2013 prämiert worden. Zur Begründung heißt es: „Die Jury zeichnet ein wahres Meistergesamtwerk der Kochzunft aus. Mit einer Fülle originärer Rezepte, eingebettet in kenntnisreiche touristische Begleitinformationen in wertvollster Schreibe und einem grandiosen Foto Artwork, ist ein avantgardistisches Opus Magnum entstanden.“ Dem ist eigentlich nichts hinzufügen, allerdings sollte man noch sagen, dass die Fotos von Alan Benson und Suzanna Boyd sind und das Buch in der Collection Rolf Heyne erschienen ist.

Etwas möchte ich aber doch noch sagen: Ich glaube, dies ist ein Buch, das man nie wegschmeißt. Was ich sonst durchaus tue. Schon der Einband ist ein bibliophiler Schatz, und allein durch das Haptische vermittelt sich der Eindruck, dass es nicht nur einfach ums Kochen, sondern auch um Kultur und Geschichte geht. Aber natürlich geht es auch ums Kochen. Und ums Genießen. Herrlich!

Luke Nguyen: ViEATnam 2. Neue Geschichten und Rezepte. Collection Rolf Heyne, München. 320 Seiten, 39,90 Euro
ViEATnam 2 Geschichte und Gerichte aus Vietnam

Ausflug in die Heimatstadt: Lüneburg

Geschrieben am 21. 05. 2013 von Birgit Warnhold

Alter Kran lueneburg Ausflug in die Heimatstadt: LüneburgEinen Reiseführer über die eigene Stadt zu lesen, ist merkwürdig. Vielleicht ist das anders, wenn es sich bei der eigenen Stadt um eine Metropole handelt, die viele Ecken hat, die man auch als Eingeborener nicht kennt. Aber ich komme aus Lüneburg, und da kenne ich alles. Einen Reiseführer darüber in die Hand zu nehmen, war mir bisher nicht in den Sinn gekommen, Lüneburg war einfach immer da. Doch man kann, wie ich jetzt festgestellt habe, auch über die eigene Stadt eine Menge Neues erfahren – oder Altbekanntes, das verschüttet war, wieder an die Oberfläche holen.

Zum Beispiel, dass Johann Sebastian Bach zeitweise in Lüneburg gelebt hat. Dass auch Heinrich Heine hier war, die Stadt aber sturzlangweilig fand. Dass das nahe gelegene Bardowick einst viel mächtiger war als Lüneburg, aber von Heinrich dem Löwen platt gemacht wurde. Dass die ältesten Teile des wunderschönen Lüneburger Rathauses auf die Anfänge des 13. Jahrhunderts zurückgehen. Und dass der ursprüngliche Reichtum der Stadt sich auf das Salz gegründet hat, das „weiße Gold“, das hier 1000 Jahre lang abgebaut wurde.

Das Ergebnis des weißen Goldes war eine prächtige Architektur, von der bis heute viel erhalten ist, was der Stadt eine ausgesprochene einladende Atmosphäre verleiht. Es könnte fast mittelalterlich museal werden – wenn da nicht die Studenten wären, die das Ganze so lebendig machen. Dass Lüneburg Lueneburg Ausflug in die Heimatstadt: Lüneburgboomt, finde ich nicht nur aus lokalpatriotischen Gründen nachvollziehbar. Und es hat sicher nicht in erster Linie etwas mit der ARD-Telenovela „Rote Rosen“ zu tun, die hier seit 2006 gedreht wird und in wenigen Tagen auf 1500 Folgen zurückblicken kann.

Michael Schnelles kleiner Band über „Lüneburg und Umgebung“ ist, wie ich finde, ein guter Begleiter für einen Ausflug in die alte Salzstadt oder auch einige der umliegenden Orte. Er erläutert die historischen Zusammenhänge, erzählt manche Legende aus alten Zeiten, zeichnet ein Bild vom heutigen Lüneburg und macht gute Vorschläge für Rundgänge durch die Stadt. Ein Thema, vor dem der Band allerdings geradezu naturgemäß kapitulieren muss, ist die Kneipen- und Restaurantszene: Lüneburg hat die größte Kneipendichte Deutschlands und nach Madrid die zweitgrößte Europas. In der Schröderstraße und vor allem am Stint gegenüber vom Alten Kran (Foto) reiht sich ein Restaurant an die nächste Kneipe an das nächste Café. Darum hier zumindest ein persönlicher Tipp: Anna’s Café am Stint ist für mich das netteste der Stadt, man kann hier in kuscheliger Wohnzimmeratmosphäre wunderbar frühstücken, sollte aber unbedingt reservieren (04131–8843181).

Michael Schnelle: Lüneburg und Umgebung. Edition Temmen, Bremen. 132 Seiten, 9,90 Euro

Schönes, schwieriges Zypern

Geschrieben am 16. 05. 2013 von Birgit Warnhold

Zypern Schönes, schwieriges ZypernEs ist mir schon immer so gegangen, dass ich Geschichte durch Geschichten verstanden habe. Aus einem guten Roman habe ich mehr über eine bestimmte Zeit gelernt (und auch behalten) als aus jedem Geschichtsbuch. Bei Ländern ist das genauso.

Joachim Sartorius hat ein Buch über Zypern geschrieben. Sartorius ist Lyriker, Übersetzer und Publizist, er kann Geschichten erzählen. „,Jeder Mensch hat sein Haus’ war eine Redensart meines Vaters“ – so lautet der erste Satz des Buchs, und darin liegt das Versprechen, vor den Augen des Lesern ein Leben zu entfalten.

Sartorius hat zwei Jahrzehnte lang im diplomatischen Dienst in New York, Istanbul und Nikosia verbracht. Er war Generalsekretär des Goethe-Instituts und anschließend, bis 2011, zehn Jahre lang Intendant der Berliner Festspiele. Er Mein Zypern Schönes, schwieriges Zypernkennt sich in der Welt aus und in der Kultur. Sein Buch über Zypern ist voll von kulturgeschichtlichen Bezügen und literarischen Querverweisen, es erzählt aber auch von den Menschen, die Sartorius auf Zypern kennen gelernt hat und die ihren Schmerz über die Vertreibung aus dem türkisch besetzten Norden und den Verlust ihrer Häuser dort nicht verwinden können. Zypern als eine Insel der „Brüche und Bräuche“.

Und man kann den Süden riechen, sich am Müßiggang erfreuen, der immer erst so ab 28 Grad funktioniert. Man spürt die „mittelmeerische Gelassenheit“, beneidet den Autor um den einsamen Mondstrand und kann ihn, der sein Haus in Lapithos, an der Nordküste der Insel, gefunden hat, gut verstehen. „Das Leben ging mit der Natur ein Bündnis ein“. Selbst mit den Geckos kann man dort auf Du und Du sein.

25 Jahre später sind die Geckos verschwunden, und auch sonst hat sich auf Zypern viel geändert, wie Sartorius bei einem späteren Besuch feststellt. Die Grenze ist durchlässiger geworden, die Teilung aber alles andere als überwunden. Mitte der achtziger Jahre hatte Sartorius auf Zypern gelebt, und aus jener Zeit stammen die Eindrücke, die er für sein Buch verarbeitet hat. „Mein Zypern” ist eine sympathische Liebeserklärung an eine schwierige, aber kulturgeschichtlich ungemein reiche Region. Zu den zahlreichen Denkmälern gehört auch die Abtei von Bellapais (Foto), das bedeutendste gotische Bauwerk der Insel.

Joachim Sartorius: Mein Zypern. mareverlag, Hamburg. 192 Seiten, 18 Euro

Kleine Fluchten für Hamburger

Geschrieben am 14. 05. 2013 von Birgit Warnhold

Hamburg Schweinesand Kleine Fluchten für HamburgerIch glaube, es gibt so etwas wie Städte-Reflexe. Bei Köln denkt man an den Dom, bei München ans Hofbräuhaus, bei Berlin an Brandenburger Tor, Gedächtniskirche und Reichstag. Bei Hamburg fallen mir als erstes die Alster, der Hafen und die Landungsbrücken ein. Vielleicht denke ich auch noch an die Uni, weil ich dort einige Jahre verbracht habe. Oder an den Fernsehturm, wo mir beim Kuchenessen schlecht geworden ist, weil das Ding sich dreht. Vielleicht denke ich daran doch lieber nicht. Und was mir ganz bestimmt nicht in den Sinn kommt, sind Schweinesand (Foto), Heuckenlock und Kehdinger Moor. DochKleine Paradiese Marco Polo Kleine Fluchten für Hamburger genau darum geht es in dem Marco-Polo-Bändchen „Hamburg – Kleine Paradiese“.

Dieser Reiseführer ist etwas für Stadtflüchter, für diejenigen, die eine Auszeit brauchen vom urbanen Trubel. Insgesamt 40 kleine Paradiese sind hier zusammengetragen worden. Einige von ihnen, wie der Wohlers oder der Eimsbütteler Park, liegen im Stadtgebiet, die meisten aber befinden sich vor den Toren Hamburgs. Manche laden zum Radeln oder zum Paddeln ein, andere kann man in vollendeter Faulheit genießen. Zehn Jahre lang habe ich in Hamburg gelebt, und ich bin überrascht, wie viele der hier präsentierten Idyllen ich überhaupt nicht kenne. Wahrscheinlich können sogar eingefleischte Hamburger hier noch Neuland entdecken.

Marco Polo: Hamburg – Kleine Paradiese. Mairdumont, Ostfildern. 180 Seiten, 10 Euro

Delikatessen und Delikates im Périgord

Geschrieben am 10. 05. 2013 von Birgit Warnhold

Perigord Delikatessen und Delikates im PérigordMartin Walker hat seinen Polizeichef Bruno zwar noch nicht so oft ins Rennen geschickt wie Donna Leon ihren Comissario Brunetti, ist aber auf gutem Wege. Was beide Autoren schon jetzt eint, ist die tiefe Verbundenheit zur Wahlheimat: So wie für die Amerikanerin Venedig zur Herzensangelegenheit geworden ist, hat der gebürtige Schotte seine Liebe für das Périgord entdeckt, jene Region, die sich, wie es in seinem Roman „Delikatessen“ heißt, rühmt, „das Herzland der französischen Küche“ zu sein. Als Hardcover ist „Delikatessen“ bereits im vergangenen Jahr erschienen, pünktlich zur Ferienzeit hat der Verlag nun die handliche Taschenbuch-Ausgabe herausgebracht.

Wie immer bei Martin Walkers Bruno-Geschichten geht es nicht nur um Verbrechen, sondern auch um die Natur, die Menschen und die flüssigen wie festen Leckereien, die man im Périgord schätzt. Dazu gehört die foie gras, Enten- oder Gänseleberpaste. Und damit geht der Ärger los. (weiterlesen …)

Boomland Brasilien

Geschrieben am 08. 05. 2013 von Birgit Warnhold

rio de janeiro Boomland BrasilienBrasilien ist in diesem Jahr Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse, was gut ist, aber eine Marginalie im Vergleich zu dem, was noch kommt: Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Dass Brasilien Austragungsort gleich zweier sportlicher Mega-Ereignisse in relativ kurzem Abstand ist, spiegelt auch die wirtschaftlich wachsende Bedeutung des Landes wider.

Als Anfang März in Berlin die Internationale Tourismusbörse (ITB) stattfand, gehörte Brasilien zu den Ländern, für die ein Boom vermeldet wurde. Das hat natürlich mit der WM zu tun – vom 12. Juni bis zum 13. Juli 2014 erwartet Brasilien rund 600.000 internationale Besucher –, aber das hängt auch damit zusammen, dass das Land insgesamt stärker in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt. Ich bin zwar nicht die Weltöffentlichkeit, aber der Mechanismus funktioniert bei mir auch: Was ich in den vergangenen ein, zwei Jahren über Brasilien gehört und gelesen habe, hat mich neugierig gemacht. Der Bildband aus dem Stürtz Verlag, den ich gerade vor der Nase habe, bestätigt mich darin. Und zwar massiv.

Mehr als 270 Bilder des Fotografen Christian Heeb zeichnen ein schillerndes, geradezu atemberaubendes Porträt dieses Landes am Atlantik, zu dem traumhafte Strände, Wüstenlandschaften, Regenwald, Amazonas-Dschungel, gigantische Wasserfälle, pulsierende Städte, eindrucksvolle Architekturen, eine einzigartige Flora und Fauna und eine sehr lebendige Kultur gehören. Das Foto oben zeigt den Blick vom Corcovado-Berg auf Rio de Janeiro samt Zuckerhut.

Dem Band ist ein Zitat des Schriftstellers Stefan Zweig vorangestellt: „Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für ein halbes Leben.“ Man sollte mal nachschauen, ob das stimmt.

Christian Heeb/Karin Hanta: Brasilien. Stürtz Verlag, Würzburg. 160 Seiten, 276 Abbildungen, Format 24 x 30 cm, 1 Übersichtskarte, 24,95 Euro

Feuchtgebiete im Havelland

Geschrieben am 06. 05. 2013 von Birgit Warnhold

feuchtgebiet Feuchtgebiete im HavellandAls wir am Wochenende durch das Havelland radelten, musste ich an Charlotte Roche denken. Das ist ungewöhnlich, normalerweise denke ich nicht an Charlotte Roche, zumal ich nie etwas von ihr gelesen habe. Aber nun weiß ich, dass sich zumindest der Titel einer ihrer Romane in meinem Gedächtnis abgelagert hat.

„Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung“ prangte auf dem Schild, das uns auf ein Naturschutzgebiet hinwies. Ich überlegte, ob das ein Zeichen sein könnte, dass ich die „Feuchtgebiete“ doch noch lesen sollte, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Mir kam ein anderer Schriftsteller in den Sinn, der, den man untrennbar mit der Region verbindet: Theodor Fontane, der Dichter der Mark Brandenburg, der dem Havelland durch seine Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ zu literarischem Ruhm verholfen hat. Jetzt wollte ich wissen, ob der poetische Realist auch zu den Feuchtgebieten etwas gesagt hat. In den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ wurde ich fündig.

In Fontanes Gedicht „Havelland“ heißt es:

Und schönest du (Havel) alles, was alte Zeiten
Und neue an Deinem Bande reihten,
Wie schön erst, was fürsorglich längst
Mit liebendem Arme du umfängst.
Jetzt Wasser, drauf Elsenbüsche schwanken,
Lücher, Brücher, Horste, Lanken,
Nun kommt die Sonne, nun kommt der Mai,
Mit der Wasserherrschaft ist es vorbei.
Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt,
Ist alles in Teppich umgemodelt,
Ein Riesenteppich, blumengeziert,
Viele Meilen im Geviert.

Im Jahr 1872 hat Fontane die Zeilen geschrieben. Mir gefallen sie. Schön finde ich auch, dass sie immer noch gelten.

Literaturfest mit Schlossgespenst

Geschrieben am 05. 05. 2013 von Birgit Warnhold

Albrechtsburg Meissen Literaturfest mit SchlossgespenstMeißen rühmt sich nicht nur seines unvergleichlichen Porzellans und seiner schönen, 1000 Jahre alten Altstadt, sondern auch, Austragungsort des größten deutschen Open-Air-Lesefestes zu sein. 200 Veranstaltungen bietet das Literaturfest Meißen auch in diesem Jahr wieder, und keine kostet Eintritt. Vom 5. bis zum 9. Juni kann dort, wer möchte, Geschichten hören und erleben. Schirmherr ist übrigens Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, denn Meißen ist sein Wahlkreis.

Die Stadt besinnt sich auch beim Literaturfest auf ihre Wurzeln, und so kreisen die Lesungen um Mittelalter, Renaissance und Fantasy. Sonderthema ist in diesem Jahr die „Literatur der Romantik“, aus Anlass des 225. Geburtstags von Joseph von Eichendorff, dessen Werke einen zusätzlichen Hauch von Romantik in die idyllischen Gassen der Altstadt bringen sollen.

Lesungen gibt es auch auf der Albrechtsburg (Foto), die zum Literaturfest Meißen ihre historischen Säle und Gewölbe öffnet. Eine extrem spannende Kulisse für den Nachwuchs, und so soll hier erstmals eine Lesenacht für Kinder stattfinden, und zwar bis ein Uhr morgens. Dazu hat sich auch Schlossgespenst Albin angesagt. Ich denke, das wird ein guter Abend.

Ameisen auf Reisen

Geschrieben am 02. 05. 2013 von Birgit Warnhold

ameisen Ameisen auf ReisenNichts ist schwieriger als luftig-leichte Komik, über die man lachen wie nachdenken kann. Menschen, die das hinbekommen – oder hinbekommen haben –, finde ich bewunderungswürdig, zum Beispiel Hans Bötticher alias Joachim Ringelnatz (1883–1934). Auch Reisen und Fernweh sind bei ihm häufig wiederkehrende Motive, zum Beispiel:

Joachim Ringelnatz

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

„Das Lächeln der Mittsommernacht”

Geschrieben am 29. 04. 2013 von Birgit Warnhold

Mittsommernacht „Das Lächeln der MittsommernachtWenn man liest, dass Frauen nur mit dem Raupenfahrzeug in die Entbindungsklinik gelangen, weiß man, man ist in einer anderen Klimazone unterwegs. Es geht um Schweden, wo sogar im südlichen Teil ein „Inferno von Schneestürmen“ zur entsprechenden Jahreszeit zum täglichen Ausnahmezustand werden kann. Der das erzählt, ist der schwedische Lyriker, Philosoph und Romancier Lars Gustafsson, der zusammen mit seiner Frau Agneta Blomquist den Band „Das Lächeln der Mittsommernacht“ verfasst hat.

In insgesamt 30 Texten zeichnen die beiden Verfasser ein Bild ihrer Heimat Schweden. Ihr Ziel: „Wir hoffen, dass der Leser sich mit uns auf der Fahrt durch Schweden wohlfühlt. Es sollte deutlich werden, dass wir nicht hier leben würden, wenn wir nicht fänden, dass Schweden ein inspirierendes Land ist.“ Das wird es, finde ich. Und dass die beiden nicht nur kenntnisreich, sondern auch liebevoll von ihren Ausflügen und Entdeckungen erzählen, macht „Das Lächeln der Mittsommernacht“ zu einem sympathischen Buch.

Es führt vom Süden bis in den hohen Norden, von der mythenreichen Geschichte des Landes bis zum Tetrapak. Es erzählt von der Natur, der man in SkandinavienLaecheln der Mittsommernacht „Das Lächeln der Mittsommernacht immer ein kleines bisschen näher zu sein scheint, und von den Menschen, die die alten Bräuche pflegen oder auch in einem angesagten Café an ihrem „Latte“ nippen. Es erzählt von Wölfen, Elchen, Seen ohne Segel und Elinors Bäckerei. Und der Leser kann das Grundrauschen der Orte hören. Natürlich findet auch die Literatur ihren Platz und die Literaten, die es nach Schweden zog wie etwa Kurt Tucholsky, der hier begraben liegt.

Wie immer, wenn ich ein gutes Reisebuch lese, möchte ich gleich losfahren. Ich würde jetzt gern am Vätternsee einen Saibling essen und in „Elsa Anderssons Konditori“ das Prinzessinnengebäck probieren. Man merkt: Ich esse gern. Allerdings nicht nur. In jedem Fall möchte ich gern einmal die Mittsommernacht erleben, zum Beispiel an einem der Seen, was, wie das Foto zeigt, sehr schön sein muss.

Lars Gustafsson, Agneta Blomquist: Das Lächeln der Mittsommernacht. Bilder aus Schweden. Übersetzt von Verena Reichel. Hanser, München. 160 Seiten, 14,90 Euro